Meine Lieben! Erstens: ihr seid die Besten. Ich bin überwältigt, ehrlich. (Und ein Bastelmonster geworden. Ein bisschen. Mehr dazu später.) Die ersten sechs Mappen sind abgeschickt, 6 werden am Montag verschickt, nächste Woche werden ca. neun neue gebastelt und natürlich auch in baldigster Bälde verschickt, damit ihr schnell zu euren wunderbaren Multifunktionsmappen kommt. Ca. 15 Mappen sind „in der Warteschlange“; in diese vage Kategorie fallen alle „Ich will unbedingt so eine Mappe! Ich bestelle bald eine!“-Ausrufe, von denen ich inständig hoffe, dass noch wirkliche „Los! Bastle! Schnell! Ich kann ohne Mappe nicht mehr leben!“-Aufträge folgen. Pauschal gesagt, wenn man bedenkt, dass wohl nicht auf alle dieser ersten Begeisterungsausrufe Taten (lest: Bestellungen) folgen werden, kann man sagen, dass ungefähr dreißig meiner Mappen bald die Welt unsicher machen werden und nach ihrer eigenen exzentrischen Identität als einzigartige Schreibwaren suchen werden. (Dies markiert den Beginn der Schreibwarenphilosophie. Irgendwann gibt’s vielleicht Austria’s Next Multifunktionsmappe.) Der langen Rede kurzer Sinn, meine Lieben: noch 70 Mappen für @halbgrieche! Kriegen wir das hin? Ich appelliere an eure Affinität zu allem, was a) nützlich, b) schön und c) für einen guten Zweck ist. Es gibt einige neue Informationen für euch bezüglich meiner Mappenbastlerei, die für Interessierte bestimmt nicht irrelevant sind:

  • Erstens: Ich bin kein Geschäftsmann und werde nie einer sein, habe ich im Zuge meines kleinen Exkurses in die Schreibwarenwelt bisher herausgefunden. (Passt das zu meiner 50%-igen Zugehörigkeit zur griechischen Nationalität? Vielleicht. Zufall.) Warum? Tja, als solch ein Geschäftsmann sollte man eventuell Faktoren wie, sagen wir, Produktionskosten mit einberechnen, eventuell. Das habe ich anfangs offensichtlich nicht getan; hätte ich das getan, hätte ich unterschiedliche Preise (sprich Minimalbeträge von freiwilligen Spenden) für Mappen mit einer Füllung mit 20 Seiten und Mappen mit 3 Füllungen à 60 Seiten angegeben. Logischerweise haben diese unterschiedlichen Arten von Mappen einen anderen Grundwert, was die Materialien betrifft. (Bei zuletzt genannter bleibt von den €15 kaum was übrig.) Die Konsequenz? Eine kleine, aber nicht schlimme Modifikation des originalen Multifunktionsmappenbausatzes, siehe nächster Punkt.
  • Fortan soll es (hier Trommelwirbel einfügen) max. 2 Füllungen geben, und diese sollen jeweils max. 40 Seiten haben. Die Mappen sind durchaus auch leichter (vom Gewicht her!), wenn vorne weniger Seiten enthalten sind. (Resultiert auch in weniger Versandkosten, in den meisten Fällen! Win-win!) Außerdem, und das ist ein großer Pluspunkt: hinten kann man so viele Seiten einordnen bzw. einlegen, wie man will. Es wird also nicht an Platz mangeln in der Mappe, egal, wie viele Seiten vorne vorhanden sind. Ja, werter Dimi, das hättest du den werten Leuten eventuell vorher sagen können. Ich weiß. Tut mir leid, aber ich mach das ja auch zum ersten Mal, und die ganze Maschinerie kommt erst so richtig in Gang und ich finde nach und nach heraus, wie das alles am besten funktioniert. Mein Schreibwarenmonopol ist noch keine sichere Sache. Aber wir werden sehen.
  • Die Füllungen haben auch verschiedene Werte, und so gibt es ab jetzt diese fünf wunderbaren Varianten:
    • Mappe mit 20 Seiten (liniert, kariert, glatt, usw.) für €15
    • Mappe mit 20 Seiten + 20 Seiten für €17
    • Mappe mit 40 Seiten für €17
    • Mappe mit 20 Seiten + 40 Seiten €18
    • Mappe mit 40 Seiten + 40 Seiten €20

  • Versandkosten
    ! Das Porto für eine Mappe beträgt in der Regel innerhalb Österreichs €2,90, nach Deutschland und in die Schweiz €6,80. Zwei Mappen innerhalb Österreichs €3,80 und nach Deutschland und in die Schweiz €13,60 (es tut mir so leid, aber ich kann für diese unverschämt horrenden Portpreise nichts; ich würde euch ja die Mappen persönlich in sexy Unterwäsche bringen, wenn das nicht so zeitaufwändig wäre, ach). Ihr könnt euch das Porto aber selbst ausrechnen, und zwar hier: http://www.post.at/Tarifrechner/. Eine Mappe wiegt ca. 600g. Eine einzige Mappe passt in einen B4-Umschlag, ab 2 Mappen ist es ein S-Paket, das verschickt wird.

Meine kleine Metamorphose zum bastelnden Semi-Geschäftsmann (aus @halbgrieche wird @halbgeschäftsmann, sieh an!) vergrämt euch hoffentlich nicht, und ich hoffe, dass sich neben den wunderbaren Menschen, die mich bisher auf diese Art und Weise unterstützt haben, noch einige finden werden (70? Ich spendiere Ouzo und Oliven.) die vielleicht eine Mappe mit Superkräften (was Organisation und Schönheit betrifft) ihr Eigen nennen wollen. Ich kann nur hoffen und euch von ganzem Herzen danken.

Ich warte auf eure Mails und aktualisiere im 5ms-Takt meinen Posteingang.

Alles beginnt wohl mit diesem traurigen Eintrag. Ich weiß nicht, ob ihr ihn gelesen habt oder nicht, jedenfalls hier die Quintessenz: mein werter Vater weigert sich seit geraumer Zeit, die Alimente zu zahlen, die er rechtlich gesehen zahlen müsste, was den kleinen drei-Personen-Haushalt, der aus meiner Mama, meinem großen Bruder und mir besteht, etwas (zu lesen: sehr) in finanzielle Schwierigkeiten bringt. Nun sitze ich auch nicht untätig herum, und warte, dass ein Wunder passiert oder ich Geld auf der Straße finde, allerdings ist es mir nicht wirklich möglich, auch nur geringfügig zu arbeiten; Samstag wäre der einzige Tag, an dem es eventuell gehen würde, aber erstens brauche ich auch einen Tag in der Woche (bzw. das Wochenende), um mich von der vergangenen Uniwoche, die ich meinen beiden Studien Russisch und Sprachwissenschaft widme, zu erholen, andererseits habe ich mich ohnehin trotzdem bei einigen Stellen beworben, wurde jedoch nicht genommen (weil eben zeitlich zu unflexibel – schämen sollt ihr euch, ihr, die ihr mich nicht als Mitarbeiter haben wolltet! Pf!). Letztes Jahr noch arbeitete ich bei McDonald’s (ja, McDonald’s! War spannend!), bis eben mein Studium so richtig los ging und ich mich entschied, mich darauf zu konzentrieren.

Hier ein paar der berüchtigten Mappen in Action. Eine davon ist meine Russischmappe (u.), die nun schon mehr als ein Semester standhält (& wie neu ist!) und alles beherbergt, was ich in einem Fach brauche. 

Das Innenleben der Mappe ist übrigens auch ein Unikat: ob Stundenpläne, Terminkalender, To-do-Listen, vieles kann sich darin finden. Die "Fülle" kann man sich natürlich wünschen, wie man will.

Wie ein Geistesblitz kam mir jetzt allerdings eine Idee (zum Teil ist diese auch auf dem Mist meiner wunderbaren Freundin @discoschnucki gewachsen), wie ich vielleicht selbst etwas an dieser recht tristen Situation ändern kann. Zugegeben, sie ist eventuell etwas ausgefallen und verrückt, aber das passt doch wie die Faust aufs Auge zum Gesamtbild. Als ich letztes Jahr im Sommer mit @facella und @beinfreiheit in Berlin war, war das Einzige, was ich mir kaufte, Geschenkpapier. Nicht nur, weil ich so auf Geschenkpapier stehe und eine große Affinität zu sämtlicher Papeterie besitze, nein nein, und schon gar nicht, weil ich damit irgendwelche Geschenke einpacken will (ich zweckentfremde das schöne Papier lieber), sondern aus dem Grund, dass man damit wirklich sehr tolle Sachen fabrizieren kann, wenn man kreativ und bastlerisch begabt genug ist. (Ja, ich sage hiermit, dass ich das bin. Ha!)

So entstand nach meiner Rückkehr nach Graz das erste Kunstwerk die erste Mappe, die ich ursprünglich eigentlich nur für mich bastelte. (Noch ganz ohne kapitalistische Hintergedanken.) Letztes Jahr noch nervte mich die Unorganisiertheit meiner Russischunterlagen, heuer habe ich meine Mitschrift, mein Vokabelheft, eine Mappe zum Einordnen und eine Mappe zum Einlegen von Blättern – alles in Einem. Noch dazu kitschig passend in von russischen Püppchen geziertem Geschenkpapier. (Meine Mitstudenten löchern meine Mappe und mich immer mit neiderfüllten Blicken. Aber das fühlt sich so gut an.) Ich bastelte die Mappe irgendwann im August, und auch jetzt, im Januar darauf, mittlerweile prall gefüllt und vollgeschrieben, erstrahlt sie noch im selben Glanz wie ganz am Anfang. (Was ich damit sagen will: diese Dinger sind stabil, liebe Leute! Und schön, natürlich!)

Ich denke mir, dass einige von euch eventuell auch gern so eine Mappe hätten. (Was heißt eventuell? Selbstverständlich wollen einige von euch so etwas Fabelhaftes!) Natürlich maßgeschneidert, was bedeutet: Inhalt nach Wunsch, Außengestaltung nach Wunsch. Der Kunde ist bekanntlich König, und ich will ja, dass es sich für euch auszahlt, wenn ihr euch dazu entscheidet, mich auf diese Art und Weise zu unterstützen. In gewisser Weise geht es darum, meinem Vater und vor allem mir selbst beweisen zu können, dass ich es ohne sein Geld schaffen kann. Zudem finde ich die Ironie des Ganzen köstlich; während mein Vater nur „männliche“ Arbeiten wie Fischen oder LKW-Fahren als wirklich vollwertige Tätigkeiten akzeptiert, würde ich hier quasi etwas mit dem Basteln von Mappen verdienen. „Ähm, du, Papa, ich verdien mehr mit dem Basteln von Multifunktionsmappen aus Geschenkpapier als du mit deiner maskulinen Arbeit!“ 0:1 für mich, Bingo. Wenn ich mir ausrechne, wie viele Mappen ich verkaufen müsste (zu einem Einzelpreis bzw. einer freiwilligen Spende von €15), wären es mehr als sagenhafte 380 Mappen, die ich basteln müsste. Ich würde selbstverständlich auch das tun, aber dass so viele Leute ein Faible für außergewöhnliche Schreibwaren haben, mutet mir etwas unrealistisch an. Deshalb mein (zugegebenermaßen auch sehr ambitioniertes) Ziel: 100 Mappen für @halbgrieche. Ihr könnt euch aussuchen, wie die Mappe aussehen soll, und für eine freiwillige Spende von (mindestens) €15 (davon gehen mindestens €7 für Produktionskosten drauf, weshalb der Preis okay ist, für griechische Verhältnisse) + Versandkosten gehört sie euch. Mit persönlicher Widmung und allem möglichen Firlefanz. Ich bin euch dann so dankbar, dass die Mappen toll sein werden, glaubt mir. Natürlich ist jede Mappe, selbst wenn das Außenmotiv gleich ist, ein Unikat – ich mache ja alles in akribischer Handarbeit selbst.

Es ist auch ganz einfach: man schicke mir nur eine E-Mail an die Adresse halbgrieche[at]gmx.at, mit den Wünschen, wie die Mappe aussehen soll, eventuell eurem Twitternamen (wenn ihr einen habt), und dann geht’s auch schon los. Ihr könnt dann per paypal [UPDATE: Natürlich funktioniert auch eine ganz normale Überweisung, auch aus Deutschland!] zahlen (ich nenne es „Gutes tun“), und spätestens Ende März habt ihr eure maßgeschneiderte Mappe. Klingt das nicht fabelhaft? Bitte sagt ja! Sonst muss ich mich prostituieren!

SO FUNKTIONIERT’S:

(Die abgebildete E-Mail-Adresse stimmt übrigens nicht. Es ist nicht net, sondern at, also halbgrieche@gmx.at. Beim Zeichnen denk ich doch an sowas nicht!)

Ihr könnt das alles kombinieren, wie ihr wollt. Meine Russischmappe hat bspw. 60 linierte Seiten (zum Mitschreiben), dann 20 linierte Seiten mit zwei Mittelstrichen (für Vokabel), und schließlich eben den Teil zum Einordnen und den Teil zum Einlegen von Zetteln. (Diesen Teil gibt es in jeder Mappe!) Sehr, sehr praktisch, kann ich nur sagen. Aber Eigenlob stinkt. (Aber: vier meiner Freunde können nicht irren. Sie sind sehr zufrieden mit ihren Mappen.)

Diese Motive sind momentan verfügbar:

Also: LOS! Schreibt mir eure Wünsche an halbgrieche[at]gmx.at.

Lieber Papa,

ich schreibe dir, obwohl du meintest, du bist derjenige, der sich melden wird, sobald er bereit ist. Aber ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass du dich bei mir melden wirst. Bis jetzt habe ich gehofft, dass du vielleicht irgendwann akzeptieren kannst, wie ich mein Leben lebe, aber da ich vor kurzem, als ich mit L telefonierte, erfahren musste, dass du so traurig bist, weil du dir wünschst, dass ich dir das alles früher gesagt hätte, weil dann wärst du mit mir zu Ärzten (!) gegangen, die mir helfen hätten können, glaube ich nicht, dass du das jemals akzeptieren wirst. Es gibt so einiges, was ich dir zu sagen habe, und ich werde das jetzt auf diesem Wege tun, weil ich ohnehin nichts mehr zu verlieren habe. Ich bin böse, traurig, und irgendwie schäme ich mich auch. Allerdings nicht für mich, sondern für meinen Vater – dich.

Papa, was ich habe, ist keine Krankheit. Es ist mehr als normal. Es tut mir leid für dich, dass du keine hohe Schulbildung genossen hast, aber ich dachte immer, du wärst trotzdem intelligent, ehrlich. Wenn du allerdings glaubst, dass das, was ich habe, eine Krankheit ist, und dass man es mit Therapie oder Medikamenten heilen kann, dann liegst du falsch. Das ist nicht “heilbar”, da gibt es nichts zu heilen. (Außerdem, Papa: wenn du glaubst, dass man schwule Menschen „hetero machen“ kann, dann müsste es doch theoretisch auch anders herum gehen, oder? Also, Papa, könnte man dich irgendwie schwul machen, glaubst du?) Weißt du, wie viele Menschen homosexuell sind? Sehr viele. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sogar du viele Schwule kennst, allerdings vielleicht nicht weißt, dass sie schwul sind. (Weil sich in Griechenland leider viele – viel mehr noch als hier in Österreich – nicht trauen, das zuzugeben, weil es solche Menschen gibt wie dich. Weißt du, wie diese Menschen leiden? Weißt du, wie man leidet, wenn man nicht sagen kann, wer man wirklich ist, weil es nicht akzeptiert werden würde?) Wusstest du, dass Homosexualität auch bei Tieren vorkommt? Ja, ich glaube, dass du viel von dem, was ich da schreibe, ohnehin schon weißt. Du kennst ja auch berühmte griechische Schauspieler, die bekennend schwul sind. Glaubst du auch, dass die alle krank sind? Ganz ehrlich, du kannst nur nicht damit umgehen, dass dein Sohn schwul ist. Gerade dein Sohn. Und das kann ich dir nicht einmal wirklich übel nehmen. Weshalb ich ja auch Verständnis für deine anfänglichen Schwierigkeiten aufbringe, das nicht sofort verstehen und akzeptieren zu können. Aber es gibt eine Deadline, quasi. Du solltest daran arbeiten, und dir zuliebe (nicht mir zuliebe!), solltest du irgendwann damit klarkommen, weil du ansonsten einen Sohn verloren hast. Einen, wie ich meine, tollen Sohn. Einen Sohn, auf den fast jeder andere Vater mehr als stolz wäre und den jeder andere Vater lieben und unterstützen würde, wo auch immer er kann.

Papa, es verletzt mich, dass es dir wichtiger ist, was andere Menschen denken, als eine gute Beziehung zu deinem Sohn aufzubauen. Es ist dir wichtiger, ob irgendwelche Bekannten oder Leute im Dorf schlecht über uns reden, beispielsweise, dass ich eine “Schande für die Familie” bin (würde es dir eigentlich jemals in den Sinn kommen, mich dann zu verteidigen, oder stimmst du mit dieser Meinung überein?), und das tut dir weh, wenn über uns geredet wird, aber du kannst dich nicht für mich freuen, wenn ich gesund, erfolgreich und – vor allem – glücklich bin. Das wünscht sich doch jeder Vater, dass seine Kinder glücklich sind. Das sollte alles sein, was du willst. Dass dein Fleisch und Blut glücklich ist. Nicht, was irgendwelche unwichtigen Leute sagen. Wir sind deine Familie, nicht irgendwelche Menschen, die sich das Maul zerreißen. Und Papa, ich bin mehr als glücklich, und du freust dich nicht für mich. Ich würde mich auch für dich freuen, wenn du glücklich wärst. Aber du bist nicht glücklich, das weiß ich. Wenn man eine derartige Beziehung zu seinen Kindern hat, kann man nicht glücklich sein. Es bin ja nicht nur ich, der wenig Kontakt zu dir hat. Aber das geht mich nichts an.

Außerdem versäumst du es, deinen Pflichten als Vater nachzugehen. Weißt du, dass du eigentlich gesetzlich dazu verpflichtet bist, mir € 254 im Monat zu zahlen? Natürlich weißt du das. Ich habe dir im Februar geschrieben, dass ich das Geld dringend brauche, weil sich das alles finanziell bei uns nur sehr schwer ausgeht. Weißt du, seit wann du dieses Geld nicht mehr gezahlt hast? Natürlich, du hast im Winter 2010 € 1000 überwiesen, und ich war sehr, sehr dankbar dafür und habe mich sehr darüber gefreut, aber das waren im Prinzip nur die Alimente für vier Monate, die du nicht mehr gezahlt hast, seitdem ich 17 bin. Ich habe das jetzt ausgerechnet, und wenn ich die Zeit abziehe, in der ich Zivildienst leistete (weil du da nicht verpflichtet bist, mir Alimente zu zahlen), und mittlerweile befinden wir uns bei einer Summe von über € 5700. Du sagst immer, dass du das Geld nicht hast. Du sagst immer, es geht dir finanziell so schlecht. Und deshalb kannst du dem Kleinen und mir kein Geld geben. (Meinem großen Bruder musst du ja mittlerweile gesetzlich gesehen keine mehr zahlen.) Ich weiß, dass du ein Grundstück verkauft hast, Papa, und dass du damals viel Geld bekommen hast. Ich weiß, dass dein Hund Frida letztes (oder dieses?) Jahr länger krank war und du einige Zeit lang € 200 pro Monat (!) für den Tierarzt bezahlt hast. Lass dir das auf der Zunge zergehen. Du zahlst € 200 für eine Heilsalbe, die dein Hund braucht, aber du kannst deinen Sohn nicht finanziell unterstützen. Welcher Vater zahlt für einen Hund, aber nicht für seine Söhne? Außerdem wäre es wohl nicht notwendig gewesen, € 40.000 für einen Fischkutter zu zahlen. Ich meine, im Ernst, Papa, € 40.000? Ich verstehe das einfach nicht. Mittlerweile kann ich nur mehr drüber lachen. Ich weiß nicht, ob du geizig bist, oder ob du glaubst, ich verdiene deine Unterstützung nicht. Aber es wäre nicht einmal eine Unterstützung, es ist deine Pflicht. Deine gesetzliche Pflicht. Und ich habe auch schon mit Leuten gesprochen, die sich da auskennen, und mich erkundigt, was ich tun kann, um an das Geld zu kommen, das mir rechtlich zusteht. Man kann keine Kinder in die Welt setzen und sich dann aus dem Staub machen und glauben, dass sich eh die Mütter um sie kümmern werden. Allerdings wiegst du dich da eh in Sicherheit, weil du a) in einem anderen Land bist und b) „arbeitslos“ bist, und ich somit sowieso nie eine Chance hätte, an irgendein Geld von dir zu kommen, wenn du es mir nicht freiwillig gibst. Darüber, dass du deine Kinder auf keine Art und Weise unterstützt, machst du dir wahrscheinlich selten Gedanken.

Hast du wirklich F gefragt, ob er die Miete deiner Wohnung in Graz zahlen kann, als du erfahren hast, dass er Geld vom Arbeitsamt bekommt? Hast du deinen Sohn, dem es psychisch nicht wirklich gut geht, wirklich um Geld gebeten, obwohl wir so oft so lange warten mussten, bis du einmal zahltest? Bzw. zahlst du ja seit längerer Zeit gar nicht mehr.

Ich bräuchte auch jetzt dein Geld. Ich studiere nach wie vor, ziemlich erfolgreich, habe ziemlich gute Noten, und jetzt habe ich mich bei einigen Geschäften beworben, damit ich am Samstag arbeiten kann (Montag bis Freitag habe ich Uni), aber es hat leider noch keine positive Rückmeldung gegeben. Es geht sich vorne und hinten finanziell nicht aus. Wir wohnen hier zu dritt, F, Mama und ich, und Mama muss alleine unser Leben finanzieren. Glaubst du, sie hat sich das so ausgesucht, als sie Kinder mit dir bekommen hat? Glaubst du nicht, sie wünschst sich auch ein wenig Luxus? Mamas Konto ist weit überzogen. Obwohl Mama von Montag bis Freitag arbeiten geht, jeden Tag 8 Stunden. 40 Stunden die Woche. Manchmal mehr. Außerdem geht sie an einem Tag in der Woche zusätzlich putzen (!). Findest du es fair, dass sie die ganze finanzielle Belastung alleine tragen muss, während du Fischkutter kaufst und Tierarztrechnungen bezahlst? Während du zwar andere Menschen finanziell unterstützen kannst, deine Kinder aber nicht?

Ich bin acht Jahre in die Schule gegangen, habe maturiert, meinen Zivildienst abgeleistet, studiere jetzt, habe auch schon gearbeitet. Habe mehr erreicht als viele in meinem Alter. Und ich werde weitermachen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich in einigen Jahren selbst genug Geld verdienen werde und nicht mehr auf die € 250 angewiesen sein werde. Jetzt bin ich es noch, und deshalb würde ich mir wünschen, dass du sie zahlen würdest, allein um deine Würde als Vater zu bewahren. Bald werde ich vermutlich auch im Berufsleben auf eigenen Beinen stehen (ich will nichts verschreien, aber bisher habe ich alles geschafft, was ich mir vorgenommen hatte). Willst du, dass ich dann behaupten kann, dass ich das alles ohne die Hilfe meines Vaters geschafft habe? Du meintest vorletzten Sommer, dass du willst, dass ich weiß, dass du mich unterstützen würdest, wenn es sich bei dir ausginge. Aber das glaube ich nicht. Kein Vater zahlt € 200 für seinen Hund und hat dann keine € 250 für seinen Sohn. Erzählst du das den Leuten im Dorf? Wissen sie das? Was würden sie von dir denken, wenn sie das wüssten? Wer wäre dann die „Schande für die Familie“? Es ist schon sehr angenehm, sich die Sachen so zurechtzurichten, wie sie einem dann passen, nicht wahr, Papa?

Mein Konto ist übrigens auch überzogen. Ich bin sehr glücklich und zufrieden mit meinem Leben (was ich jetzt auf Emotionales und nicht auf Materielles beziehe – etwas, was du ebenso nicht ganz nachvollziehen kannst, schätze ich), aber am 14. Januar minus fünfzig Euro am Konto zu haben, keine Jause mehr für lange Tage auf der Uni kaufen zu können, keine Bücher mehr für die Uni kaufen zu können, das ist eine psychische Belastung. Eine Belastung, der ich mit 20 Jahren noch nicht ausgesetzt sein wollte, eine Belastung, die an sich unnötig ist und eine Belastung, an der du teilweise schuld bist.

Ich bin jetzt ein Mann, Papa. (Wie blöd das klingt. Aber es ist so.) Und ich habe keine Angst vor dir. Ganz im Gegenteil, ich glaube, ich kenne dich besser, als du denkst. Ich finde es so traurig, dass du im Februar so negativ reagiert hast, als ich diesen Schritt auf dich zu gemacht habe und dir gesagt habe, wer ich wirklich bin; ich habe das ja nur getan, um dich uneingeschränkt an meinem Leben teilhaben lassen zu können. Ich habe deine Reaktion ja zum Teil verstanden, aber generell finde ich dein Verhalten inakzeptabel.

Als ich im Krankenhaus war und so viel Blut verlor, weshalb ich zwei Mal operiert werden musste, hab ich mir auch gewünscht, dass du über deinen Schatten springst, mich anrufst und mich persönlich fragst, wie es mir geht, anstatt diese Information über zwei Ecken zu bekommen. Oder dass du mir anders zum Geburtstag gratulierst, als mir eine lieblose, unpersönliche SMS ohne Satzzeichen zu schreiben.

Ich glaube, ich habe alles gesagt, was mir am Herzen lag. Ich werde diesen Brief mit einem Zitat aus meiner ursprünglichen Mail von Februar beenden: „[...] aber mir ist es wichtig, dass du es weißt, damit ich mit dir offen darüber reden kann. Damit wir eine ehrliche Beziehung miteinander führen können. Ich will dir alles erzählen können, Papa. Und du sollst mir alles erzählen können. Es ist sicher gewöhnungsbedürftig, und du wirst diesen Schock einmal überwinden müssen. Aber ich hoffe, du triffst die richtige Entscheidung. Ich hoffe, du stehst hinter mir und unterstützt mich. Denn wenn du jetzt die falsche Entscheidung triffst, kann und wird das mit uns nie funktionieren.“

Dimitri

Ich erinnere mich in Zeiten wie diesen gerne daran, dass es mir schon einmal viel schlechter ging und ich mehr als zufrieden sein sollte. Hier Auszüge aus meinem Tagebuch, das ich ungefähr eine Woche lang im August 2010 führte. Dieser Beitrag soll Hoffnung geben. Jenen, die Leute wie X in ihrem Leben haben und nicht von ihnen wegkommen.

5. August 2010, Agio Theodori, 20:30

Es scheint die Ironie des Schicksals zu sein; ich nehme mir fest vor, fortan regelmäßig das wirre Gemisch an Gefühlen, Gedanken und Ereignissen niederzuschreiben, das mein Leben zu der Seifenoper macht, die es ist. Diesen Vorsatz fasse ich nun, zu einem Zeitpunkt, an dem die größte Fanatikerin von Tagebüchern, Y, absolut nichts mehr mit mir zu tun haben will. Die letzten acht Monate waren eine stürmische Talfahrt; mir kommt ehrlich vor, ich habe mehr Zeit im Tal verbracht. Momentan ist es schlimmer als je zuvor. Nicht nur meine zwei meiner beständigsten und wichtigsten Freundschaften habe ich verloren, sondern – und das streut kiloweise Salz in die offene Wunde: den Grund, warum eben diese Freundschaften zerschellten: X. Ich habe es gewagt, mich zu verlieben, viel zu schnell, viel zu intensiv, habe mich vom anfänglichen Glück unter Drogen setzen lassen und später aufkommende Anzeichen von Fehlversagen zugunsten des ewigen Optimisten und Romantikers in mir, [der die aufkommende Skepsis zwar niemals verstummen ließ, das Ende dieser betäubenden Passivität jedoch immer auf morgen, morgen, immer morgen, Hauptsache nicht jetzt, verschob,] als Belanglosigkeiten abgetan und fest daran geglaubt, es würde besser werden. Wurde es allerdings nie, bis heute. Ich muss zugeben, ich halte immer noch daran fest, wünsche mir immer noch, dass es eventuell plötzlich reibungslos funktioniert und wieder so wird, wie am Anfang, als ich dachte – obwohl, ich dachte damals weniger, fühlte mehr. Nun ersticken meine sich exponentiell vermehrenden Gedanken meine nach wie vor starken Gefühle im Keim, und das Ergebnis ist eine Verwirrtheit, mit der Nebenwirkungen wie Entscheidungsunfähigkeit, Lethargie und Melancholie einhergehen. Ich will etwas haben und kann’s nicht haben, weshalb es mir schlecht geht. Gleichzeitig weiß ich, es ist nicht gut für mich – doch schaffte ich bei dieser ständigen Omnipräsenz in allen Aspekten meines Lebens nicht, mich davon loszureißen. Ich würde gern und bin mir bewusst, dass ich es können sollte – allerdings fehlt mir dazu momentan die Kraft, ebenso wie ein Wille. Zudem fühle ich mich allein, verlassen, betrogen. Ich tu zwar so, aber es geht mir nicht gut. Ich vermisse es nicht nur in X’ Armen zu liegen, sondern auch Autofahrten mit Z oder Telefonate mit Y. [...] Ich sitze hier auf der Veranda, es wird dunkel und ich warte schon wieder auf Antworten, notifications, finde mich selbst lächerlich. Ich werde später noch einmal schreiben, wahrscheinlich. Ich finde jedoch, diese eventuell leicht ausgelutschte Einleitung war notwendig, so wie auch alle zukünftigen Rechtfertigungen oder detaillierte Beschreibungen meines schwer angeknacksten Zustandes notwendig sein werden. Ich befinde mich am Anfang eines schwierigen und langwierigen Prozesses, dessen Fortschreiten ich anstrebe und dessen erfolgreiche Beendigung von nun an mein größtes Ziel sein sollen.

6. August, immer noch Agio Theodori, 17:08

[...] Nachdem wir meine restlichen Medikamente abgeholt hatten und ich meine Mails checkte (von X war natürlich keine da), stieß ich dann zu einer leicht angeheiterten Truppe hinzu, wo ich etwas aß und mich – wie immer in solch homophoben Gefilden – recht unwohl fühlte. Hab mich dann auf meine Medikamente rausgeredet, bin gegangen und hab mich ein bisschen hingelegt. Jetzt, weil’s nichts Besseres zu tun gibt, leg ich mich einfach noch einmal hin. (Irgendwann muss diese Lethargie, die mein Jahr 2010 bisher am besten beschreibt, aufhören!)

19:22

Es geht weiter. Es geht mir heute sehr seltsam. Ich freue mich zum ersten Mal wieder auf Österreich; auf meine Mama, den W (!), die N, und alles, was mich dort eventuell noch erwartet. Natürlich auch auf X, ich brauche mir nichts vormachen. Ich weiß nicht, was ich erwarten soll. Ich weiß allerdings, was ich erwarten will, und was ich zu meinem Bedauern auch tatsächlich erwarte: Ich glaube, dass wir uns oft sehen werden. Zumindest ins Kino werden wir einmal gehen, das steht fest. Mehr? Ich weiß nicht. [...] Ich muss verstehen, dass das, was war, war. X war mein Freund, ich war mit ihm zusammen, habe Schönes mit ihm erlebt, bin verletzt und gedemütigt worden, habe etliche Diskussionen gestartet. Ich geh einfach ohne jegliche Erwartungen an die Sache heran; ich mag X, und ich würde gern etwas mit ihm unternehmen – natürlich will ich mehr als nur das, aber genau das und nicht mehr darf ich vermitteln. [...] Die X-Saga ist hiermit vorbei, jetzt fängt die Dimi-Saga an. Mit dem (noch) namenlosen Brillentypen muss ich mich zumindest einmal treffen, und – obwohl ich da mit dem Feuer spiele – F gibt’s ja auch noch.

9. August, nach wie vor Agio Theodori, 18:39

[...] Ich glaube, ich sollte mich emotional darauf vorbereiten, dass er eventuell einen Neuen kennengelernt hat bzw. R in B getroffen hat. Aber hey, ich habe auch schon jemand anderen kennengelernt, doch das mit der emotionalen Bindung geht nicht so einfach; ich mein, dass die sich einfach so in Luft auflöst; da wäre das „ich kann’s mir ohne dich echt nur mehr schwer vorstellen“ dann eine dreiste Lüge gewesen, aber vielleicht sollte ich mich genau damit abfinden.

Weil euch der Ausgang der Geschichte bestimmt interessiert: X ist nun – wir schreiben beinahe Februar 2012 – natürlich nicht mehr relevant. Die Vergangenheitsbewältigung hat bestens funktioniert und ich konnte sogar meine Würde wiederherstellen. Sogar eine kleine Entschuldigung seitens X war drin, allerdings keine, die irgendeinen Schaden wieder hätte gut machen können. Mittlerweile schreibe ich auch nicht mehr so geschwollen, sollte das jemanden interessieren. Und diesen Blogpost war ich mir schuldig, allein um die wichtigsten Stellen des Tagebuchs zu bewahren, das ich jetzt feierlich verbrennen werde. (Wie kitschig!) Für weitere Anfragen gibt es die Kommentar-Funktion oder @-Replies an @halbgrieche.

Dies ist ein Beitrag, den ich im September 2010 für meinen damaligen Blog zynisch.at verfasste, für eine geplante Wiedereröffnung, jedoch nie veröffentlichte. Seither ist beinahe wieder ein Jahr vergangen und vieles ist passiert. Dennoch will ich hier diesen Text veröffentlichen, als Start einer neuen Ära, da ich erneut auf einen Stolperstein stieß und wieder im Begriff bin, aufzustehen. Kleine Randnotiz vor der seichten Lektüre: Bitte verzeiht mir meine Vergleiche. Ich glaube, das war 2010 im Trend. (Eventuell bin ich auch einfach nur so. Ich will euch aber nicht schon mit dem ersten Eintrag verschrecken.) Und hiermit herzlich willkommen in den Tägebüchern eines Halbgriechen, in denen ich manchmal Dinge posten werde, die mich berühren und beschäftigen (oder auch nicht).

Ja, ich bin zurück. Bevor jetzt gejubelt und gefeiert wird, möchte ich vorwegnehmen, dass ich in meiner Abwesenheit eine recht ernüchternde Erkenntnis errungen habe: ich bin dumm. Nicht in traditionellem, wortwörtlichem Sinne ‚dumm‘, nein, diese Dumm- oder besser gesagt Torheit, von der ich schreibe, brodelte bisher unbemerkt unter der Oberfläche. Wie eine falsche Freundin blendete sie mich, verführte mich, und ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob es nicht wünschenswerter gewesen wäre, ich hätte einfach weiter naiv nach Glück gesucht. Stattdessen weiß ich nun – ohne jegliche Zweifel: ich bin dumm. Ich kann die meisten Hauptstädte der Länder unserer Welt nennen, erobere Kenntnisse über Sprache, als wäre sie meine Westentasche, lerne, eifrig, immer eifrig, ehrgeizig, Neues, viel Neues, schnell, ohne Hindernisse. Habe dichtes Haar, grüne Augen, zehn Finger, zwei Ohren, gerade Zähne. Kann zuhören, mitfühlen, selbst fühlen, mich öffnen, Spaß haben, mich verlieren. In das, was die letzten Sätze beschreiben, habe ich mich verliebt, was im Fernbleiben jeglicher Arroganz geschah. Bin gerade einmal einem unbedeutenden Fragment der vielen Stolpersteine begegnet, die auf meinem Weg liegen und von mir überwunden werden wollen. Ich bin stolz auf mich, im Reinen mit mir, glaube, mich gut genug zu kennen, glaube, alles zu wissen, glaube, die Welt in der Hand zu haben und alles erreichen zu können, was ich mir erträume. Ergo: ich bin dumm, einfach nur dumm. Falsche Zeit. Ich war dumm, einfach nur dumm. Hat man etwas zwischen den Zähnen, weiß man es oft nicht, bis einer einen darauf aufmerksam macht oder man in den Spiegel schaut. Prompt schämt man sich, mit Petersilie zwischen den Zähnen gelächelt zu haben, einen ganzen Nachmittag so durch die Stadt gegangen zu sein, ohne es zu wissen. Bis man es dann weiß. Seht ihr? Ich bin zurück. Und wie ich zurück bin.

Vor einiger Zeit ging ich noch mit Petersilie zwischen meinen Zähnen durchs Leben. Habe gelächelt und nie lange, nie genau genug in den Spiegel gesehen. 2010 war ein intensives Jahr für mich. Es neigt sich seinem Ende zu, und ich glaube, der dramaturgische Spannungsbogen rast in Windeseile Richtung Tiefpunkt. Ich habe Glück erfahren, großes Glück, gleich zu Anfang. Ein Aspekt meines Lebens, der bisher durch Niederlagen und Enttäuschungen gezeichnet war, beendete seine traurige Durststrecke, als ich eine Person kennenlernte, in die ich mich verliebte. Jetzt, wenn ich daran zurückdenke, will ich die sorglosen Momente einfangen und in Käfige sperren, damit ich sie immer wieder herausholen und erleben kann. Genießen kann, was so kurz währte. Doch liegt die wahre Schönheit wohl darin, dass sie, die Momente, so vergänglich sind wie der Boden unter meinen Füßen brüchig. Ich lebte mein Leben und war mir dessen bewusst, dass das Gleichgewicht drohte, zu kippen, wog mich stets in Sicherheit. Doch das Fundament, auf dem ich stand und von dem ich mich nährte, bekam Risse. Irgendwann klafften derart große Wunden darin, dass es unter der immensen Last, der ich erlaubt hatte, sich anzusammeln, in sich zusammenstürzte. Und ich mit ihm. Ich verlor den Halt und stolperte über den ersten etwas gröberen Stolperstein. Früher hatte ich immer gedacht, man steht einfach auf, und das war’s. Man nimmt einen Zahnstocher, eliminiert die Petersilie, fertig; ihr versteht, was ich meine. Ich habe Fehler gemacht und wurde mit einem Stolperstein bestraft, den ich nicht nur nicht kommen sah, sondern über den ich fiel – ein Sturz, der mir Schmerzen zufügte, die bis heute nachwirken. Ja, ich habe meine damals besten Freunde verloren. Und auch die Person, die ich liebte. Ihr kennt das sicher: man fragt sich, warum ich?, warum passiert gerade mir das, habe ich es nicht verdient, glücklich zu sein?, gottverdammte Scheiße, muss mir das alles auf einmal passieren?, doch alles hilft nichts. Man isst am Ende vielleicht nicht wieder Petersilie, aber dafür Schnittlauch. 2010 war deshalb intensiv, weil ich alles fand, was ich jemals gesucht hatte, alles hatte, was ich glaubte zu brauchen, um vollends glücklich zu sein, und plötzlich alles verlor, ohne jemals zu merken, dass dies geschah, bis es zu spät war. Ich bin nicht bitter, nein, um Gottes Willen. Ich doch nicht. Nicht einmal zynisch. Ich bin nur, na ja, dumm.

Ich lag also da, war gestolpert, fühlte mich überrumpelt, allein, kraftlos. Mit neunzehn Jahren wollte ich den desillusionierten alten Jungfern beitreten, vielleicht ein bisschen stricken und über Wehwehchen jammern. War als wahrlich schlechter Freund, falscher Freund, Dramaqueen, harmoniesüchtig, ungeduldig, grausam, leidliebend, übertrieben stoisch ruhig, egoistisch, egozentrisch, egomanisch (alles mit dem wunderbar aussagekräftigen Präfix ego- eben) geschimpft worden. Alles, nur nicht dumm. Bevor ich den Stolperstein hinter mir lassen konnte, musste ich ihn mir genau ansehen, ihn regelrecht inspizieren. Was logischerweise weh tat und mich am Aufstehen hinderte. Solange ich wie ein psychisch angeknackster Labiler mit der metaphorischen Lupe über diesem Stein saß, zerfleischende Analysen darüber anstellte, woher er kam und warum er jetzt da mitten auf meinem Weg lag, konnte ich nicht aufstehen. Bin ich aufgestanden? Ich bin im Begriff, es zu tun. Das Fundament unter meinen Füßen, steht das wieder? Nein. Aber ich baue es, diesmal alleine, ohne andere dazu zu nötigen, mir als Säulen zu dienen. Es war töricht von mir, mich von anderen Menschen abhängig zu machen. Dumm, einfach nur dumm. Aber jeder muss irgendwann dumm sein, um klug werden zu können, denke ich mir. Und in dem Moment, in dem ich das schreibe, steckt sicher schon das nächste Kraut zwischen meinen ach so geraden Zähnen.

Aufstehen ist anstrengend, aber genauso aufregend. Während ich so aufstehe, ganz gleich wie lange ich dafür auch noch brauchen mag, lerne ich Dinge, die zu erfahren auf meinem Weg vor Erreichen des Steins undenkbar gewesen wären. Hamburger zu braten zum Beispiel. Den kleinsten Freuden des Lebens genug Kraft abzugewinnen, um bis zur nächsten kleinsten Freude zu überleben. Als ich die zuvor genannte metaphorische Lupe nach links und rechts anstatt nach unten richtete, habe ich in unscheinbaren Personen Freunde fürs Leben gefunden, wertvolle Menschen, die wichtigsten, die mir helfen, mein eigenes Fundament zu errichten. Jetzt, wo ich weiß, dass ich dumm bin. Eine Erkenntnis, die wahrlich befreiend ist. Es kann sich nur mehr um Tage, Momente handeln, bis ich wieder aufrecht stehe, wieder lebe und wieder liebe. Bis der letzte Stolperstein vergessen und der nächste schon in unmittelbarer Nähe ist. Ja, sicher, momentan wirkt alles unheimlich trist und trostlos, und oft habe ich nicht einmal wirklich Lust zu sprechen oder mein Bett zu verlassen. Die Einsamkeit sowie die Nachwehen des erlebten Glücks, der Wunsch nach der angenehmen Sicherheit meines bisher geregelten Lebens, die ich um jeden Preis zurück will, kriecht durch alle Fasern meines Körpers und ich beobachte bisweilen starr mein Handy und warte, bis sich jemand meldet, irgendjemand. Es ist nicht einfach, und ich bin noch nicht stark genug, einfach mit dem Finger zu schnipsen um danach sofort aufrecht zu stehen. Ich war töricht, weil ich mein Glück gesucht habe. Nur die Törichten suchen nach Glück. Die, die wissen, sie sind töricht, haben begriffen, dass sie aufhören müssen, zu suchen, um es zu finden.

Mein Name ist Dimitri M. und ich schreibe nun schon seit mehr als fünf Jahren Beiträge für diesen immer recht persönlichen, wenn auch kryptisch und indirekt gehaltenen Blog. Nachdem ich gestolpert war bin ich jetzt zurück. Ob dumm oder erleuchtet, ob mit oder ohne Petersilie zwischen meinen Zähnen, wird sich noch früh genug zeigen. Es würde mich freuen, wenn ihr mich begleitet und mir eventuell manchmal ratet, zum Zahnstocher zu greifen.

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.