Lieber Papa,
ich schreibe dir, obwohl du meintest, du bist derjenige, der sich melden wird, sobald er bereit ist. Aber ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass du dich bei mir melden wirst. Bis jetzt habe ich gehofft, dass du vielleicht irgendwann akzeptieren kannst, wie ich mein Leben lebe, aber da ich vor kurzem, als ich mit L telefonierte, erfahren musste, dass du so traurig bist, weil du dir wünschst, dass ich dir das alles früher gesagt hätte, weil dann wärst du mit mir zu Ärzten (!) gegangen, die mir helfen hätten können, glaube ich nicht, dass du das jemals akzeptieren wirst. Es gibt so einiges, was ich dir zu sagen habe, und ich werde das jetzt auf diesem Wege tun, weil ich ohnehin nichts mehr zu verlieren habe. Ich bin böse, traurig, und irgendwie schäme ich mich auch. Allerdings nicht für mich, sondern für meinen Vater – dich.
Papa, was ich habe, ist keine Krankheit. Es ist mehr als normal. Es tut mir leid für dich, dass du keine hohe Schulbildung genossen hast, aber ich dachte immer, du wärst trotzdem intelligent, ehrlich. Wenn du allerdings glaubst, dass das, was ich habe, eine Krankheit ist, und dass man es mit Therapie oder Medikamenten heilen kann, dann liegst du falsch. Das ist nicht “heilbar”, da gibt es nichts zu heilen. (Außerdem, Papa: wenn du glaubst, dass man schwule Menschen „hetero machen“ kann, dann müsste es doch theoretisch auch anders herum gehen, oder? Also, Papa, könnte man dich irgendwie schwul machen, glaubst du?) Weißt du, wie viele Menschen homosexuell sind? Sehr viele. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sogar du viele Schwule kennst, allerdings vielleicht nicht weißt, dass sie schwul sind. (Weil sich in Griechenland leider viele – viel mehr noch als hier in Österreich – nicht trauen, das zuzugeben, weil es solche Menschen gibt wie dich. Weißt du, wie diese Menschen leiden? Weißt du, wie man leidet, wenn man nicht sagen kann, wer man wirklich ist, weil es nicht akzeptiert werden würde?) Wusstest du, dass Homosexualität auch bei Tieren vorkommt? Ja, ich glaube, dass du viel von dem, was ich da schreibe, ohnehin schon weißt. Du kennst ja auch berühmte griechische Schauspieler, die bekennend schwul sind. Glaubst du auch, dass die alle krank sind? Ganz ehrlich, du kannst nur nicht damit umgehen, dass dein Sohn schwul ist. Gerade dein Sohn. Und das kann ich dir nicht einmal wirklich übel nehmen. Weshalb ich ja auch Verständnis für deine anfänglichen Schwierigkeiten aufbringe, das nicht sofort verstehen und akzeptieren zu können. Aber es gibt eine Deadline, quasi. Du solltest daran arbeiten, und dir zuliebe (nicht mir zuliebe!), solltest du irgendwann damit klarkommen, weil du ansonsten einen Sohn verloren hast. Einen, wie ich meine, tollen Sohn. Einen Sohn, auf den fast jeder andere Vater mehr als stolz wäre und den jeder andere Vater lieben und unterstützen würde, wo auch immer er kann.
Papa, es verletzt mich, dass es dir wichtiger ist, was andere Menschen denken, als eine gute Beziehung zu deinem Sohn aufzubauen. Es ist dir wichtiger, ob irgendwelche Bekannten oder Leute im Dorf schlecht über uns reden, beispielsweise, dass ich eine “Schande für die Familie” bin (würde es dir eigentlich jemals in den Sinn kommen, mich dann zu verteidigen, oder stimmst du mit dieser Meinung überein?), und das tut dir weh, wenn über uns geredet wird, aber du kannst dich nicht für mich freuen, wenn ich gesund, erfolgreich und – vor allem – glücklich bin. Das wünscht sich doch jeder Vater, dass seine Kinder glücklich sind. Das sollte alles sein, was du willst. Dass dein Fleisch und Blut glücklich ist. Nicht, was irgendwelche unwichtigen Leute sagen. Wir sind deine Familie, nicht irgendwelche Menschen, die sich das Maul zerreißen. Und Papa, ich bin mehr als glücklich, und du freust dich nicht für mich. Ich würde mich auch für dich freuen, wenn du glücklich wärst. Aber du bist nicht glücklich, das weiß ich. Wenn man eine derartige Beziehung zu seinen Kindern hat, kann man nicht glücklich sein. Es bin ja nicht nur ich, der wenig Kontakt zu dir hat. Aber das geht mich nichts an.
Außerdem versäumst du es, deinen Pflichten als Vater nachzugehen. Weißt du, dass du eigentlich gesetzlich dazu verpflichtet bist, mir € 254 im Monat zu zahlen? Natürlich weißt du das. Ich habe dir im Februar geschrieben, dass ich das Geld dringend brauche, weil sich das alles finanziell bei uns nur sehr schwer ausgeht. Weißt du, seit wann du dieses Geld nicht mehr gezahlt hast? Natürlich, du hast im Winter 2010 € 1000 überwiesen, und ich war sehr, sehr dankbar dafür und habe mich sehr darüber gefreut, aber das waren im Prinzip nur die Alimente für vier Monate, die du nicht mehr gezahlt hast, seitdem ich 17 bin. Ich habe das jetzt ausgerechnet, und wenn ich die Zeit abziehe, in der ich Zivildienst leistete (weil du da nicht verpflichtet bist, mir Alimente zu zahlen), und mittlerweile befinden wir uns bei einer Summe von über € 5700. Du sagst immer, dass du das Geld nicht hast. Du sagst immer, es geht dir finanziell so schlecht. Und deshalb kannst du dem Kleinen und mir kein Geld geben. (Meinem großen Bruder musst du ja mittlerweile gesetzlich gesehen keine mehr zahlen.) Ich weiß, dass du ein Grundstück verkauft hast, Papa, und dass du damals viel Geld bekommen hast. Ich weiß, dass dein Hund Frida letztes (oder dieses?) Jahr länger krank war und du einige Zeit lang € 200 pro Monat (!) für den Tierarzt bezahlt hast. Lass dir das auf der Zunge zergehen. Du zahlst € 200 für eine Heilsalbe, die dein Hund braucht, aber du kannst deinen Sohn nicht finanziell unterstützen. Welcher Vater zahlt für einen Hund, aber nicht für seine Söhne? Außerdem wäre es wohl nicht notwendig gewesen, € 40.000 für einen Fischkutter zu zahlen. Ich meine, im Ernst, Papa, € 40.000? Ich verstehe das einfach nicht. Mittlerweile kann ich nur mehr drüber lachen. Ich weiß nicht, ob du geizig bist, oder ob du glaubst, ich verdiene deine Unterstützung nicht. Aber es wäre nicht einmal eine Unterstützung, es ist deine Pflicht. Deine gesetzliche Pflicht. Und ich habe auch schon mit Leuten gesprochen, die sich da auskennen, und mich erkundigt, was ich tun kann, um an das Geld zu kommen, das mir rechtlich zusteht. Man kann keine Kinder in die Welt setzen und sich dann aus dem Staub machen und glauben, dass sich eh die Mütter um sie kümmern werden. Allerdings wiegst du dich da eh in Sicherheit, weil du a) in einem anderen Land bist und b) „arbeitslos“ bist, und ich somit sowieso nie eine Chance hätte, an irgendein Geld von dir zu kommen, wenn du es mir nicht freiwillig gibst. Darüber, dass du deine Kinder auf keine Art und Weise unterstützt, machst du dir wahrscheinlich selten Gedanken.
Hast du wirklich F gefragt, ob er die Miete deiner Wohnung in Graz zahlen kann, als du erfahren hast, dass er Geld vom Arbeitsamt bekommt? Hast du deinen Sohn, dem es psychisch nicht wirklich gut geht, wirklich um Geld gebeten, obwohl wir so oft so lange warten mussten, bis du einmal zahltest? Bzw. zahlst du ja seit längerer Zeit gar nicht mehr.
Ich bräuchte auch jetzt dein Geld. Ich studiere nach wie vor, ziemlich erfolgreich, habe ziemlich gute Noten, und jetzt habe ich mich bei einigen Geschäften beworben, damit ich am Samstag arbeiten kann (Montag bis Freitag habe ich Uni), aber es hat leider noch keine positive Rückmeldung gegeben. Es geht sich vorne und hinten finanziell nicht aus. Wir wohnen hier zu dritt, F, Mama und ich, und Mama muss alleine unser Leben finanzieren. Glaubst du, sie hat sich das so ausgesucht, als sie Kinder mit dir bekommen hat? Glaubst du nicht, sie wünschst sich auch ein wenig Luxus? Mamas Konto ist weit überzogen. Obwohl Mama von Montag bis Freitag arbeiten geht, jeden Tag 8 Stunden. 40 Stunden die Woche. Manchmal mehr. Außerdem geht sie an einem Tag in der Woche zusätzlich putzen (!). Findest du es fair, dass sie die ganze finanzielle Belastung alleine tragen muss, während du Fischkutter kaufst und Tierarztrechnungen bezahlst? Während du zwar andere Menschen finanziell unterstützen kannst, deine Kinder aber nicht?
Ich bin acht Jahre in die Schule gegangen, habe maturiert, meinen Zivildienst abgeleistet, studiere jetzt, habe auch schon gearbeitet. Habe mehr erreicht als viele in meinem Alter. Und ich werde weitermachen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich in einigen Jahren selbst genug Geld verdienen werde und nicht mehr auf die € 250 angewiesen sein werde. Jetzt bin ich es noch, und deshalb würde ich mir wünschen, dass du sie zahlen würdest, allein um deine Würde als Vater zu bewahren. Bald werde ich vermutlich auch im Berufsleben auf eigenen Beinen stehen (ich will nichts verschreien, aber bisher habe ich alles geschafft, was ich mir vorgenommen hatte). Willst du, dass ich dann behaupten kann, dass ich das alles ohne die Hilfe meines Vaters geschafft habe? Du meintest vorletzten Sommer, dass du willst, dass ich weiß, dass du mich unterstützen würdest, wenn es sich bei dir ausginge. Aber das glaube ich nicht. Kein Vater zahlt € 200 für seinen Hund und hat dann keine € 250 für seinen Sohn. Erzählst du das den Leuten im Dorf? Wissen sie das? Was würden sie von dir denken, wenn sie das wüssten? Wer wäre dann die „Schande für die Familie“? Es ist schon sehr angenehm, sich die Sachen so zurechtzurichten, wie sie einem dann passen, nicht wahr, Papa?
Mein Konto ist übrigens auch überzogen. Ich bin sehr glücklich und zufrieden mit meinem Leben (was ich jetzt auf Emotionales und nicht auf Materielles beziehe – etwas, was du ebenso nicht ganz nachvollziehen kannst, schätze ich), aber am 14. Januar minus fünfzig Euro am Konto zu haben, keine Jause mehr für lange Tage auf der Uni kaufen zu können, keine Bücher mehr für die Uni kaufen zu können, das ist eine psychische Belastung. Eine Belastung, der ich mit 20 Jahren noch nicht ausgesetzt sein wollte, eine Belastung, die an sich unnötig ist und eine Belastung, an der du teilweise schuld bist.
Ich bin jetzt ein Mann, Papa. (Wie blöd das klingt. Aber es ist so.) Und ich habe keine Angst vor dir. Ganz im Gegenteil, ich glaube, ich kenne dich besser, als du denkst. Ich finde es so traurig, dass du im Februar so negativ reagiert hast, als ich diesen Schritt auf dich zu gemacht habe und dir gesagt habe, wer ich wirklich bin; ich habe das ja nur getan, um dich uneingeschränkt an meinem Leben teilhaben lassen zu können. Ich habe deine Reaktion ja zum Teil verstanden, aber generell finde ich dein Verhalten inakzeptabel.
Als ich im Krankenhaus war und so viel Blut verlor, weshalb ich zwei Mal operiert werden musste, hab ich mir auch gewünscht, dass du über deinen Schatten springst, mich anrufst und mich persönlich fragst, wie es mir geht, anstatt diese Information über zwei Ecken zu bekommen. Oder dass du mir anders zum Geburtstag gratulierst, als mir eine lieblose, unpersönliche SMS ohne Satzzeichen zu schreiben.
Ich glaube, ich habe alles gesagt, was mir am Herzen lag. Ich werde diesen Brief mit einem Zitat aus meiner ursprünglichen Mail von Februar beenden: „[...] aber mir ist es wichtig, dass du es weißt, damit ich mit dir offen darüber reden kann. Damit wir eine ehrliche Beziehung miteinander führen können. Ich will dir alles erzählen können, Papa. Und du sollst mir alles erzählen können. Es ist sicher gewöhnungsbedürftig, und du wirst diesen Schock einmal überwinden müssen. Aber ich hoffe, du triffst die richtige Entscheidung. Ich hoffe, du stehst hinter mir und unterstützt mich. Denn wenn du jetzt die falsche Entscheidung triffst, kann und wird das mit uns nie funktionieren.“
Dimitri